Wenn Erzieherinnen Mütter werden

Zwischen Fachwissen und Alltag

Als Erzieherin bringt man viel Wissen mit: Entwicklungspsychologie, Bindungstheorien, pädagogische Konzepte. Man weiß, wie wichtig liebevolle Konsequenz, Routinen und ein wertschätzender Umgang sind. Doch wenn aus einer Fachkraft eine Mutter wird, zeigt sich schnell: Theorie ist das eine – der Alltag mit dem eigenen Kind etwas völlig anderes.

1. Die ersten Wochen – wenn Wissen auf Realität trifft

In der Kita gibt es für jede Situation eine Strategie. Ein weinendes Kind? Beruhigen, Bedürfnis erkennen, Lösungen finden. Zuhause sieht das anders aus:

Das Baby weint – lange. Alle Checklisten sind durchgegangen: Hunger, Müdigkeit, volle Windel, Temperatur, Körperkontakt. Doch es schreit weiter. In der Kita gäbe es jetzt Kolleginnen zum Austauschen, eine klare Strategie. Doch hier ist niemand außer dem eigenen Bauchgefühl.

Dann die Nächte: „Kinder brauchen Geborgenheit, Nähe, Sicherheit beim Einschlafen.“ So steht es in den Fachbüchern. Also wird getragen, gewiegt, gesungen – mit brennenden Augen und schwerem Kopf. Nachts um drei wird jede Theorie zur Geduldsprobe.

Hier zeigt sich schnell: Wissen schützt nicht vor Erschöpfung. Und das ist völlig in Ordnung.

2. Erwartungen und Realität – „Du bist doch Erzieherin!“

„Bei dir muss das ja alles ganz leicht sein, oder?“ – Ein Satz, der immer wieder fällt.

Doch Elternsein fühlt sich oft genauso herausfordernd an wie für alle anderen auch. Natürlich sind da das Fachwissen und die Erfahrung mit vielen Kindern. Aber wenn das eigene Kind schreiend in der Küche liegt, weil es die falsche Farbe des Trinkbechers bekommen hat, ist kein pädagogisches Konzept der Welt eine schnelle Lösung.

Auch die eigene Erwartungshaltung spielt eine große Rolle:

  • Man weiß, wie wichtig Gelassenheit ist – aber in stressigen Momenten fällt es schwer, ruhig zu bleiben.
  • Man kennt die Bedeutung von Autonomie – aber wenn das Kind den Löffel immer wieder auf den Boden wirft, wird Geduld auf eine harte Probe gestellt.
  • Man versteht, dass Wutanfälle wichtig für die emotionale Entwicklung sind – aber mitten im Supermarkt ist es trotzdem unangenehm.

Die größte Erkenntnis hier: Theorie gibt Orientierung, aber die Praxis ist unberechenbar.

3. Der Perspektivwechsel – mehr Verständnis für Eltern

In der Kita gehört es zum Alltag, mit Eltern zusammenzuarbeiten. Doch wenn man selbst Mutter wird, verändert sich der Blickwinkel.

Plötzlich sind die Fragen nicht mehr theoretisch, sondern ganz real:

  • Wie fühlt es sich an, das eigene Kind in fremde Hände zu geben?
  • Warum fällt es manchen Eltern so schwer, sich zu trennen?
  • Wie viel Vertrauen braucht es, um loszulassen?

Der erste Kita-Tag wird zur emotionalen Herausforderung. Fachlich weiß man, dass Kinder Zeit brauchen, um sich einzuleben. Doch wenn das eigene Kind weint und nach einem ruft, fühlt sich das anders an.

Auch der Alltag sieht plötzlich anders aus:

  • Früher war es unverständlich, warum Eltern morgens gehetzt und gestresst ankamen. Jetzt ist klar: Schon das pünktliche Verlassen des Hauses kann ein Kraftakt sein.
  • Früher schien es unnötig, wenn Eltern sich viele Sorgen machten. Jetzt ist verständlich, dass selbst kleine Veränderungen große Unsicherheit auslösen können.

Dieser Perspektivwechsel bringt mehr Empathie in die Zusammenarbeit mit Eltern. Plötzlich sind ihre Sorgen nicht mehr nur Gesprächsthemen, sondern Erfahrungen aus erster Hand.

4. Die Verbindung von Fachwissen und Muttersein

Trotz aller Herausforderungen bringt die eigene Mutterschaft auch eine neue Qualität in die pädagogische Arbeit:

  • Entwicklungsschritte bewusster wahrnehmen
    Kinder durchlaufen ihre Phasen ganz individuell – das war immer klar. Doch wenn das eigene Kind plötzlich genau diese Phasen durchläuft, wird alles greifbarer. Ein erster Schritt, ein erstes Wort – all das hat auf einmal eine ganz neue Bedeutung.

  • Gelassenheit in schwierigen Situationen
    Eltern bekommen oft Ratschläge wie: „Bleiben Sie ruhig, das Kind spürt Ihre innere Haltung.“ Doch erst in der eigenen Mutterschaft wird klar, wie schwer das wirklich ist. Gleichzeitig wächst das Verständnis für die kindlichen Reaktionen – und mit der Erfahrung oft auch die Gelassenheit.

  • Neue Ideen für den Kita-Alltag
    Mit der eigenen Mutterschaft entstehen neue Impulse für die pädagogische Arbeit. Plötzlich sind es nicht nur Fachtexte, sondern echte Erlebnisse, die neue Methoden und Herangehensweisen anregen.

Die Kombination aus Theorie und Praxis eröffnet eine neue Sichtweise: Erzieherinnen und Eltern stehen auf derselben Seite – beide wollen das Beste für das Kind.

5. Fazit – Kein Konzept der Welt ersetzt das Bauchgefühl

Die wohl wichtigste Erkenntnis? Es gibt keine perfekte Erziehung.

Fachwissen ist wertvoll, aber manchmal helfen keine Konzepte, sondern einfach nur Geduld, Liebe und das Vertrauen, dass man nicht alles kontrollieren kann.

Und das ist völlig in Ordnung.

Bild von Marjon Besteman auf Pixabay